ETFs oder aktives Management? Die Sache mit den Technologieaktien …

ETFs oder aktives Management? Die Sache mit den Technologieaktien …
Guten Tag, liebe Leserinnen und Leser,

mit der wissenschaftlichen Forschung im Bereich der Finanzierungslehre ist es so eine Sache. Da gibt es einige Finanzprofessoren, die sich auf bestimmte Nischenthemen spezialisiert haben, mit denen sie es zielsicher schaffen, ihre Forschungsarbeiten nahezu jedes Mal in einer der renommiertesten wissenschaftlichen Fachzeitschriften zu publizieren. Mich ärgert hierbei häufig, dass viele dieser Beiträge aus fachlicher Sicht so dermaßen irrelevant sind, wie die Information, dass in der Sahara ein Eimer Sand ausgeschüttet wurde.

Warum soll sich denn beispielsweise ein Aktienmarkt wie irgendein stochastischer Prozess aus der Teilchenphysik verhalten? Wenn man nur lange genug sucht, dann findet man mit hoher Wahrscheinlicht bestimmt irgendeinen Markt, dessen Kurse sich in einem bestimmten Zeitfenster und in einer bestimmten Datenfrequenz (z.B. Tages-, Wochen- oder Monatskurse) rein zufällig ähnlich wie ein physikalischer Prozess verhalten haben. Aber Hand aufs Herz: Würden Sie mit einer auf solchen Erkenntnissen basierenden Investmentstrategie Ihre Kapitalanlage managen wollen? Ich jedenfalls garantiert nicht …

Gott sei Dank – es gibt auch Ausnahmen …



Aber geschimpft genug. Gott sei Dank gibt es auch einige Ausnahmen. Und genau diese Ausnahmen machen mein Wirken im Spannungsfeld zwischen der akademischen Forschung und dem praktischen Asset Management so interessant. Ich finde es ausgesprochen spannend und inspirierend, wissenschaftliche Studien zu lesen, deren Inhalte ich 1:1 auf mein Wirken in der Anlagepraxis übertragen kann.

Ein US-amerikanischer Ökonom, den ich diesbezüglich extrem schätze und über dessen Arbeiten ich auch schon mehrmals in meinen Editorials berichtet habe, ist Professor Hendrik Bessembinder von der Arizona State University. In meinem heutigen Beitrag möchte ich einen näheren Blick auf die jüngsten Forschungsarbeiten von Prof. Bessembinder zu werfen, die noch nicht in einem wissenschaftlichen Journal veröffentlicht wurden. Aber keine Angst – das Ganze soll keine hochwissenschaftliche Abhandlung werden. Mir geht es ausschließlich um die wesentlichen Erkenntnisse, die Sie und ich in unseren Kapitalanlageentscheidungen miteinfließen lassen können bzw. sollten.

„Do stocks outperform Treasury bills?“



Vielen Akteuren in der institutionellen Kapitalanlage wurde Prof. Bessembinder mit einer Studie bekannt, die im Jahr 2017 unter dem Titel „Do stocks outperform Treasury bills?“ in der renommierten wissenschaftlichen Zeitschrift „Journal of Financial Economics“ veröffentlicht wurde. In dieser Studie hat Hendrik Bessembinder gezeigt, dass 10% der gesamten Wertsteigerung des amerikanischen Aktienmarktes seit 1926 per Dezember 2016 von lediglich fünf Werten getragen wurde: ExxonMobil, Apple, Microsoft, General Electric und IBM. Von diesen fünf Werten mit der größten Wertschöpfung sind somit vier Titel dem Technologiesektor zuzuordnen (siehe hierzu auch meinen Kommentar „Amazon, Apple, Microsoft & Co. – welche Rolle spielen diese Aktien in der Zukunft?“).

Die Nachfolgestudie und was man daraus lernen kann …



Ich gehe mal fest davon aus, dass es der große Erfolg dieser Studie war, die Bessembinder zusammen mit einigen Co-Autoren veranlasst hat, das gleiche Kernthema im internationalen Kontext im Rahmen einer Nachfolgestudie nochmals aufzugreifen. In der bisher noch nicht veröffentlichten Studie „Long-term shareholder returns: Evidence from 64,000 global stocks“ wurde von Bessembinder und seinem Forscher-Team die Wertschöpfung von 64.738 internationalen Aktien im Zeitraum von Januar 1990 bis Dezember 2020 untersucht.

Interessant ist dabei ein Blick auf die zehn Aktien mit der größten Wertschöpfung. Womöglich werden Sie es schon ahnen: Platz eins bis vier belegen die Titel Apple, Microsoft, Amazon und Alphabet, also allesamt Aktien, die schon seit vielen Jahren den Champions-Status haben und insofern auch als Technologie-Champions im boerse.de-Technologiefonds enthalten sind. Darüber hinaus findet sich auf Platz acht auch noch Samsung, also ein Wert, der ebenfalls zur Riege der Technologie-Champions gehört.

Beachtenswert ist dabei auch, dass sich mit Tencent, Tesla und Meta (früher Facebook) drei weitere Unternehmen unter den Top-Ten-Aktien befinden, die dem Technologiesektor zuzuordnen sind. Diese drei Werte verfügen zwar über keinen Champions-Status, sind aber Bestandteil des sogenannten Darwin-Portfolios und daher ebenfalls im boerse.de-Technologiefonds enthalten (Anmerkung: Die Zusammensetzung und Steuerung der beiden Teilportfolios „Technologie-Champions“ und „Darwin-Portfolio“ ist ausführlich im White Paper „Die Anlagestrategie des boerse.de-Technologiefonds: Konzept und Entwicklung“ beschrieben, das hier kostenlos als PDF-Datei heruntergeladen werden kann).

Wie diese Studie nahelegt, ist zumindest die Beimischung von Technologiewerten in einem breit diversifizierten Portfolio offensichtlich durchaus sinnvoll. Dies gilt insbesondere für die Aktien solcher Tech-Unternehmen, die über ein etabliertes Geschäftsmodell mit einer starken, nahezu uneinholbaren Marktstellung und langjährig tiefschwarze operative Gewinnzahlen verfügen.

Und noch eine interessante Bessembinder-Studie mit praxisrelevanten Erkenntnissen …



Die Erkenntnisse aus den beiden vorangehend diskutierten Studien lassen vermuten, dass Technologieaktien möglicherweise per se für die wesentliche Wertschöpfung auf dem Aktienmarkt verantwortlich sind. Trifft dies tatsächlich zu, dann würde die einfachste Anlagestrategie darin bestehen, einfach in einen ETF auf einen breiten Technologieindex zu investieren. Um die Frage nach der Attraktivität des Technologiesektors zu beantworten, hat Bessembinder eine weitere Untersuchung durchgeführt, die in dem ebenfalls noch nicht publizierten Arbeitspapier „Extreme Stock Market Performers, Part II: Do Technology Stocks Dominate?“ beschrieben ist.

Und die Ergebnisse dieser Untersuchung sind ziemlich eindeutig: Technologieaktien tragen nicht per se zur Hauptwertschöpfung auf dem Aktienmarkt bei. Ganz im Gegenteil. Während einige Technologietitel ganz vorne mitspielen – eben die Apples, Microsofts und Alphabets dieser Welt – trifft dies für andere Werte nicht zu. Wie die Bessembinder-Studie zeigt, finden sich unter den größten Wertvernichtern auch viele Technologiewerte.

Und was bedeutet das nun für den Anleger? Diese Ergebnisse bestätigen meine bisherige Sicht, dass ein passives Investieren in Technologieaktien (z.B. mithilfe eines ETFs) – zumindest für mich – nicht die erste Wahl ist. Ich persönlich fühle mich im Bereich Technologieaktien mit einem aktiven Investmentansatz, wie er unter anderem auch im boerse.de-Technologiefonds implementiert ist (siehe hierzu die ausführliche Strategiebeschreibung im White Paper), wesentlich wohler.

Ganz so schlimm ist es also doch nicht …



Wie Sie sehen, gibt es also durchaus auch hochkarätige Wissenschaftler aus dem Finanzbereich, deren Forschungsergebnisse nicht nur für den akademischen Elfenbeinturm relevant sind, sondern auch für die Investmentpraxis.

In diesem Sinne hoffe ich, dass ich noch zahlreiche wissenschaftliche Studien mit einer hohen Praxisrelevanz finde, die ich Ihnen im Rahmen meiner Kolumnen bzw. Editorials populärwissenschaftlich aufbereitet präsentieren kann. Ihnen wünsche ich an dieser Stelle viel Erfolg mit Ihren Investments, die hoffentlich auch den Technologiesektor nicht unberücksichtigt lassen!

Auf bald,

Ihr Hubert Dichtl

P.S.: Alle Kolumnen von Dr. Hubert Dichtl erhalten Sie ganz bequem im Newsletter boerse.de-Aktien-Ausblick, Deutschlands großem Börsen-Newsletter mit mehr als 150.000 Lesern. Hier kostenfrei anfordern…
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